club bonsoir

 

Club Bonsoir Feature

 

 

simon
Foto: Philippe Cuendet //DIY

 

Die unbekannte Seite von Mercury

Simon Baumann ist zu Mercury gestossen, als das Projekt gerade zu laufen anfing – also früh.
Dennoch gilt sein Partner Mel in der hiesigen clubkulturellen Öffentlichkeit vielen noch als der erste
Mann im Betrieb. Ein Trugschluss, wie das folgende Interview zeigt.

 

 

 

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Wie wird man mit über 30 noch DJ?

Wie wird man mit 65 Jahren Student? Wie wird man mit 18 Jahren Millionär? Wie wird man mit 40 Vater? Willkommen im Zeitalter der Tausend Möglichkeiten. Im Ernst, die Frage ist verständlich, besonders wenn man weiss, dass ich vor einigen Jahren noch in einem tight sitzenden Hugo-Boss-Anzug in der Werbeabteilung einer grossen Kaufhauskette sass und gut Geld verdiente. Aber ich habe eben auch schon immer Musik gemacht. Und irgendwann entschied ich mich eben komplett für die Musik. Damit zusammen kam auch mein Einstieg bei Mercury. Ich spielte in vielen Bands, aber mit einem DJ habe ich noch nie etwas Ernsthaftes entwickelt und das reizte mich. Für uns ist ja auch klar, dass wir irgendwann auch eine "Mercury-Band" haben wollen. Das ist die logische Konsequenz aus dem, was Mel und ich mitbringen. Natürlich habe ich mich schon ein bisschen eingearbeitet ins DJ-ing und es klappt tatsächlich einigermassen, wenn ich mixe. Aber man sieht ja – heute kann jeder Horst auflegen. Es gibt Computer, die das für dich erledigen. Es gibt die Beatport-Charts, die dir sagen, was die Hipster hören wollen. Den Leuten auf dem Dancefloor ist es meist völlig Wurscht, ob du noch von Hand Vinyl auflegst und richtig geil mixt. Leute wie Mel, die Roundies, Smat oder Deetron und die ganzen guten DJs können das noch. Das ist Kunst! Und davor ziehe ich echt den Hut. Die Jungs haben das jahrelang gelernt und sie lieben es. So muss es sein! Mit der gleichen Intensität bin ich wiederum Drummer, Produzent und Musiker, das ist das, was ich gut kann und das, was ich seit Jahren tue, das, wofür ich stehe.

 

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Simon und Mel in ihrem Studio, welches über
3000 Vinyl-Platten beherbergt.

 

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Du sollst auf einem englischen Label einen Drum and Bass-Track veröffentlicht haben.

Ich hatte damals mit LTJ Bukem Kontakt. Das war in den 90-ern, ich hatte gerade die elektronische Musik für mich entdeckt. Ich war oft in Biel im Take Five. Dort spielten sie den heissen Stoff! Garage House. Dann kam viel englisches Zeug, UK Garage, 2-Step. Sensaxtionelle Parties waren das. Schliesslich war auch Drum and Bass ein grosser Brenner.  Und da habe ich angefangen, auf meinem Schlagzeug Drum and Bass-Beats zu hämmern wie ein Bekloppter. Daraus habe ich dann auf meinem Panzer-Computer von damals einen Track gebastelt. Schrecklich!  Erstaunlicherweise hat er aber dem Bukem gefallen. Sein Kompagnon Nookie hat mit mir dann einen Vertrag ausgehandelt, von dem ich höchstens die Adressen darauf verstand. Ich bezweifle ob der Track dann jemals auf Good Looking Records rausgekommen ist. Aber hey – von mir aus könnte man auf die ganzen Stil-Schublädli pfeifen. Wenn mich Mel nicht eines Besseren belehren würde, dann würde ich glatt House, Afro Bembe und das Junglist-Massive in einem DJ-Set verheiraten. Bang! Ich nehme Musik in Form von Emotionen wahr. Hauptsache die Sonne geht auf. Es ist mir doch Wurscht, ob man jetzt gerade Trance, Slow-House oder Gypsy-House hochhält. Es gibt nur gute und schlechte Musik. Aber ich musste auch lernen, dass DJs da oft weniger begeistert sind von dieser Idee, weil dann der Puls verloren geht. Auch wieder verständlich.

 

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Simon Baumann Mitte der 00-er Jahre zusammen mit
dem Berner Musiker und Sänger Raphael Jakob.

 

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Du hast für Kutti MC produziert und warst jüngst als Drummer mit Stefan Eicher auf Tour. Beim gemeinsamen Projekt «Freischwimmer» der beiden bist du auch dabei. Was halten sie von der Musik, die du als Mercury produzierst? Oder ist das kein Thema?

In der Band von Stephan spielen drei Musiker aus Frankreich. Die finden «Mörcürry» klasse. House wird in Frankreich auch irgendwie breiter wahrgenommen als hier, vielleicht wegen Daft Punk? Und die sind alle interessiert, stellen kritische Fragen und sind aufmerksam. Und deshalb sind sie wohl auch super Musiker. Die finden das zwar schon auch etwas komisch, dass ich da noch in diesem «Techno-Duo» spiele. Aber die fragen dann halt, wie das jetzt genau funktioniert mit diesem Bum-Bum-Sound, das find ich cool. Auch Stephan selbst ist sehr frisch, immer auf der Suche, geht in den Club. Er kam übrigens letztes Jahr eine Show von One Shot Orchestra & Kutti MC gucken und dadurch kam auch die ganze Verbindung zu Stande. Voilà, so entstehen Dinge doch oft. Und der Kutti kommt ja regelmässig abfeiern, wenn wir im Bonsoir auflegen, das spricht für sich. Umgekehrt ist der Mel neulich eine unserer Stephan-Eicher-Shows hören gekommen, das hat mich dann auch sehr gefreut.

 

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Simon Baumann ist derzeit Drummer bei Stephan Eicher
and The Lost & Found Orchestra.


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Einige kennen dich auch als Mitgield der Berliner Band One Shot Orchestra. Da ist nach einer ersten vielversprechenden EP nicht mehr viel passiert. Ist das Projekt beerdigt?

Nur weil wir nicht permanent twittern, was wir gerade tun, heisst das nicht, dass wir nichts tun. Wir haben 2009 das Album «Sunne» für Kutti komponiert, eingespielt und produziert. Wir waren in den Schweizer Charts mit alternativem Mundart-Rap, Applaus! Wir haben für einen 20th Century Fox Film in Deutschland Filmmusik gemacht («13 Semester»). Wir haben mit Baze, Boys on Pills und Steff La Cheffe in der Schweiz auf der Bühne gestanden. Wir haben das Technofestival «Vision» eröffnet, wir haben in Berlin in den dunkelsten Clubs die Wände zum Zittern und die Decken zum Tropfen gebracht, dabei ist ein Drum-Kit komplett zerstört worden. Wir haben uns nach Prag ins Studio verzogen und 18 Stunden Tonmaterial aufgenommen. Danach ist ein Jahr lang nichts passiert weil wir nicht wussten, wie wir 18 Stunden Tonmaterial sinnvoll auf die Länge einer CD schneiden sollen. Gottlob haben wir alles in den Abfalleimer geworfen. Also haben wir wieder für andere Künstler im Studio gearbeitet, zum Beispiel diesen Frühling für «Freischwimmer». Wir sind eine Maschine die sehr vielseitig einsetzbar ist, wir sind alle Musiker und Produzenten gleichzeitig. Deshalb arbeiten wir viel für andere. Mittlerweile ist übrigens auch unser eigenes Album fertig. Es gibt Features von Deichkind, Bonaparte, Miss Platnum und andern. Das Album wird aber nie erscheinen. So sieht’s aus. Things change, aber es gibt eine Zukunft, mehr habe ich im Moment dazu nicht zu sagen.

 

simon

Das One Shot Orchestra eröffnete 2010
das Techno-Festival Vision

 

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Was soll die Zukunft bringen im Bezug auf Mercury? Auf welches anstehende Ereignis freust du dich besonders?
Mercury rules the world. Ich freue mich extrem auf die Zukunft von Mercury, weil ich spüre, dass wir in den letzten paar Monaten grosse Fortschritte gemacht haben. Unser Ziel war ja immer, einen eigenen, sehr prägnanten Style zu haben und gleichzeitig funktionale House-Musik für die Massen zu bauen. Diesem Anspruch sind wir nun in den letzten Studio-Sessions sehr nahe gekommen. Ich freue mich also sehr auf den Moment der Veröffentlichung dieser Tracks. Insgesamt wollen wir, dass Mercury den finalen Schritt in die obere Liga schafft. Wir geniessen Respekt bei grossen Leuten, aber wir stehen noch drei Schritte vor dem kommerziellen Durchbruch. Wir wollen’s wissen und wir wollen das mit guter Mucke machen und nicht mit Beatport-Kopien der aktuellen Skihütten-House-Abteilung. Das wäre sicher einfacher, aber das machen schon genug 18-jährige Hipster-Kids.

 

simon

Ed Banger-Macher und Justice-Manager Busy P:
«I am a massive fan of Mercury».

 

 

I N F O :
Mercury spielen am 10. Dezember im Club Bonsoir und stellen bei
dieser Gelegenheit ihre neue EP vor, für welche sie u.a.
mit Robert Owens, der «Stimme des House», kollaboriert haben.